posttraumatische Belastungsstörung – was mich daran „stört“

Seitdem ich einmal diese Diagnose bekam, stört mich das Wort „posttraumatische Belastungsstörung“ mehr und mehr. Und ich will Euch mal sagen warum:

Meiner Meinung nach ist eine Reaktion auf ein Trauma keine Störung, sondern eine natürliche und gesunde Reaktion der Psyche und des gesamten Menschen auf ein unnatürliches Ereignis.

Ein Mensch, der ein traumatisches Erlebnis erlitten hat und mit den Folgen zu tun hat und der lernen will damit umzugehen, muss in meinen Augen in allerhöchstem Maße belastbar sein.

Ein Mensch, der sich den Folgen eines solchen Ereignisses in seinem Leben stellt, sollte das Recht haben, sich voll und ganz diesen Prozessen zu widmen ohne an anderer Stelle „belastet“ zu werden, indem erwartet wird, er würde weiterhin uneingeschränkt den Anforderungen und Aufgaben des Alltags genügen können. Es muss sein einziger und sein wichtigster Job sein dürfen, sich um sich selbst zu kümmern, sich um seine eigene Heilung zu bemühen und seine Integrität wieder herzustellen. Dazu benötigt er all seine Kräfte und Ressourcen und die sollten ihm an dieser Stelle zur Verfügung stehen.

Es mag sein, dass ein solcher Mensch von außen betrachtet nicht „alltgstauglich“ ist. Aber dabei sollte berücksichtigt werden, welchen Belastungen er tatsächlich ausgesetzt ist. Dies vermag wohl niemand anders als er selbst einzuschätzen.

Wenn es für das Gesundheitssystem unbedingt ein Wort und eine Diagnose braucht, bin ich dafür, dieses Wort durch „Posttraumatische Folgereaktion“ zu ersetzen, da es weniger wertend ist und den Betroffenen hilft, sich nicht ganz so als ein „Opfer“ der Umstände zu sehen, sondern als ein Lebewesen, welches die Fähigkeiten besitzt mit den Folgen umzugehen und daran zu wachsen.

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Hinter die Wut geschaut

Oft, wenn mich etwas wütend

und rasend macht

kann ich mit der Zeit spüren,

dass dieses Etwas, die Wut und die Enttäuschung darüber

eigentlich mir selbst gilt.

Wut auf mich selbst, dass ich nicht anders konnte,

mich nicht schützen konnte

nicht anders gehandelt habe.

Und dann kommt Schuld auf, Trauer, Schmerz und

der Wunsch nach Vergebung und Heilung.

Doch wer sollte mir vergeben, wem sollte ich vergeben, wenn nicht ich mir selbst?

Mich selbst liebevoll betrachten, annehmen mit allem, was ist.

Warum sollte ich nicht die enorme Kraft der Wut als Geschenk annehmen?

Als Geschenk des Mutes für neue Grenzen,

die ich setzen kann, für die ich einstehen oder die ich versetzen kann.

Klare Grenzen mit deren Sicherheit

ich dann neue Schritte nach vorne gehen kann.

Jetzt wird aufgeräumt

Ich habe so viel Wut in mir. Wut, Ärger, Trauer, Kraft, Intensität – und erkenne, dass ich sie für mich selbst nutzen darf. Ich darf sie freisetzen um zu wachsen, um mich zu schützen. Ich darf meine Stärke und Entschlossenheit in die Grenzen schicken, die Grenzen meines ganz persönlichen Wohlfühlraumes, dass sie mich schützen vor allem, was mir nicht (mehr) gut tut.

In Grenzen, die meine ureigene Kraft bei mir selbst lassen, dass ich sie nie mehr verpulvere um die Probleme anderer zu lösen.

Ich will leben, ich will frei sein von den Vorstellungen und Erwartungen an mich, ich will nicht länger abhängig sein von der Meinung und dem Wohlwollen anderer Menschen. Und ich will unter denen, die mich auch mögen, wenn ich ICH SELBST bin, gute Freunde und Familie finden, an den richtigen Stellen vertrauen und mich öffnen können.

Ich will tun, was mich erfüllt, was mein Herz zum singen bringt, immer JETZT. Ich will mich nicht länger von meiner Vergangenheit bestimmen lassen – ich danke ihr und lasse sie los – das einzige, was ich mitnehme, ist die Kraft und die Erfahrung, die ich durch die Erlebnisse machen durfte – diese werde ich als Resource nutzen und vorwärts gehen.

Nein, ich lasse mich nicht mehr aufhalten, ich stehe zu mir, zu mir im Ganzen, mit allen Anteilen. Ich will sagen, was ich denke und fühle, auch wenn ich Fehler mache, Freunde verlieren, Menschen wütend auf mich oder neidisch oder was auch immer sind.

Jeder hat die Macht, den Willen, die Kraft selbst zu entscheiden, wer oder was er sein will.

Ich lasse mich nicht mehr klein halten von alten Überzeugungen, Wunden, Verletzungen, Prägungen usw. jetzt ist Schluss und ich werde ICH SELBST SEIN!

Hallo Trauma

Hallo Trauma,

ja genau Du. Ich bin endlich soweit, Dich als vollständigen Teil meiner Selbst anzuerkennen. Als ein Anteil von mir, ein Teil meiner Persönlichkeit. Ich möchte Dir keinen Namen geben, aber ich könnte Dich mit mein „Kleines“ anreden, wenn Du magst.

Also: komm her Kleines, Du gehörst jetzt dazu, ich werde Dich ernst nehmen, Dich annehmen, Dich nicht weiter verleugnen, schönreden, verdrängen oder verstoßen. Lange genug hast Du ein Schattenleben geführt. Jetzt darfst Du Dich entspannen, locker lassen und Dich beleuchten lassen. Ich werde nicht mehr zurückschrecken oder Dich vom Leben ausschliessen, weil ich erkannt habe, dass Du zu meinem Leben dazugehörst. Du machst mein Leben auf den ersten Blick nicht schöner, aber in aller Schwere kann ich erkennen, dass Du eine Bereicherung bist. Ich erkennen gerade, dass Du mich etwas entscheidendes lehrst: nämlich dass ich mich nie und niemals werde anpassen können. Dass ich mich nie und niemals mit anderen (nicht-traumatisierten oder auch traumatisierten) Menschen, mit ihrer Stärke und ihrer Belastbarkeit werde messen können. Hier bei uns gelten ganz andere Maßstäbe und ich kann mich nur mit mir selbst vergleichen (wie oder wer war ich vor gestern, vor 2 Tagen oder vor 2 Jahren z.B.). Was geht heute, was gestern noch unmöglich war oder was geht nicht mehr, was vor einem Jahr noch möglich war?

Sich dem Trauma zu stellen oder sich damit auseinanderzusetzen ist ein jahre- und jahrzehntelanger, vermutlich sogar lebenslanger Prozeß.

Der Einsatz, die Kraft, die dies fordert habe ich als mehr als einen Vollzeitjob erlebt. Phasenweise ist es Arbeit in drei Schichten, wobei man alle drei Schichten wochenlang hintereinander arbeitet. Es gibt Phasen, da nimmt das Trauma überhand und es erfordert lange Übung, es aus der Perspektive eines selbstfürsorglichen und selbstverantwortlichen Erwachsenen Stück für Stück zu bearbeiten ohne dabei unter die Räder zu kommen. Rückblickend bin ich dankbar für alle Unterstützung, die ich hier bekommen und annehmen durfte! Was für ein Segen!

Doch selbst dieses Stück für Stück ist nicht planbar. Es erfordert höchste Flexibilität, um sich immer wieder auf neue Teile und neue Phasen einzulassen.

Nach ca. 4 Jahren Arbeit an und mit mir selbst und allen meinen Anteilen, kann ich erst jetzt zu 100% annehmen und anerkennen und es benennen, dass ich selbst traumatisiert bin. Vorher konnte ich dieses Wort nicht mal aussprechen, geschweige denn in Zusammenhang mit mir selbst bringen. Da wurde mir nur schwindelig und meine Gedanken drifteten einfach ab.

Aus Selbstschutzgründen gab es deshalb auch eine lange Phase, in der ich felsenfest überzeugt war, dass eine vollständige Heilung möglich ist. Ich dachte, dass Heilung bedeutet, das Trauma zu bewältigen und abzulegen. Heute sehe ich es eher so, dass dieses Bewältigen eher eine andere Art „Gewalt“ war, die ich mir selbst zufügt habe. Denn wie in aller Welt soll man einen Anteil seiner selbst, eine Art inneres Kind „be-wältigen“?

Ich beginne zu begreifen, dass ein erfülltes Leben nur möglich sein wird, wenn ich mein „Kleines“ an die Hand oder in die Arme nehme und wir gemeinsam die weiteren Schritte gehen.

Du gehörst selbstverständlich zu meinem Leben dazu, wie eine Wunde, eine Besonderheit, ein Bruch, eine Behinderung oder eine Gabe. Ich kann mich nur entscheiden, wie ich damit leben will und ich erfahre gerade, dass ich auch GUT damit leben darf.

Mit großer Achtsamkeit und Vorsicht und winzige, kleine Schritte machend, viele Pausen einlegend, kann es möglich sein, ein für mich lebenswertes Leben zu führen.

Ja, mein Kleines, dafür will ich mich einsetzen und stark machen, dass wir unseren Weg in unserer eigenen Geschwindigkeit gehen und nicht an den Maßstäben einer scheinbar heilen Welt zerschellen.

Darum will ich mich einsetzen für ein größeres Verständnis traumatisierter Menschen.

Bei mir selbst fange ich an und will mir selbst Mut machen. Den Mut, mich selbst wertzuschätzen, mich selbst zu achten, zu respektieren und achtsam mit meinen Möglichkeiten und Begrenzungen umzugehen. Und wenn es möglich ist, will ich auch anderen damit Mut machen. Den Mut zu sich selbst zu stehen und auf sich selbst zu vertrauen. Das haben wir echt verdient! Du und ich und alle Menschen auf dieser Welt!

Leben mit dem Trauma

Diese Seite widme ich meinem eigenen Trauma, um es endlich als einen vollständigen Teil meiner Selbst und meiner Persönlichkeit zu würdigen, es voll zu akzeptieren und in mein Leben zu integrieren. Denn alles andere scheint mir mittlerweile vergebens und ein Weg der letztendlich gegen die Wand geht – auch wenn es zunächst anders als einfacher erscheint.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, seine eigenen Erfahrungen und seinen eigenen Umgang mit seinen Erfahrungen und auch mit einem eventuellen Trauma.

Alles, was ich hier be-schreibe, ist einzig und allein mein eigener Umgang mit dem Thema und immer aus der derzeitigen Sichtweise geschrieben. Aus langjähriger Erfahrung weiss ich, dass auch diese sich mit der Zeit immer weiter entwickelt und sich stetig verändert. Je nachdem, wem ich begegne, was ich für Erfahrungen mache und was ich Neues erlebe und wo ich dazulerne, ändert sich meine Wahrnehmung von einem Leben mit dem Trauma.